Nie wieder Pfannkuchen

peinlich, peinlich...

Das Mädchen schaute seit fünf Minuten durch das Fenster hinein zu mir in die Konditorei und drückte die Nase an der Scheibe platt. Ihr Atem ließ, jetzt Mitte Februar, die Scheibe erst beschlagen, dann in kürzester Zeit gefrieren. Mit ihren kleinen Händchen wischte sie immer wieder darüber, um klare Sicht zu haben. Wer es bemerkte, sah, daß es mich nicht nur mit regem Interesse anschaute, sondern ihre Bewegungen fast erstarrt zu sein schienen. Ihr Blick war gefangen in einem imaginären Rahmen, der an dem Teller begann und an meinem Mund endete.

 

Ich selber sah sie nicht. Ich sah überhaupt nichts. Weder vor, noch neben mir. Alles drehte sich nur noch um diese himmlische Süße. Diese Köstlichkeit: gebacken in feinstem Kokosfett, gefüllt mit der leckersten aller Marmeladen, bestäubt mit dem zartesten aller Zucker. Gierig schob ich das letzte, noch lauwarme, Stück in den Mund, leckte die klebrigen Finger genüßlich, leise schmatzend, ab. Eine Entgleisung in der Öffentlichkeit, die man sonst nicht von mir kannte.
Meine Augen wanderten zum Teller. Nur noch zwei Stück, erbärmlicher Rest des halben Dutzend. Wie hatte mich die Bedienung angeschaut, als ich in das Lokal stürzte und sechs dieser feinsten aller Pfannkuchen verlangte. Dazu ein Kännchen starken Mocca mit viel Sahne und noch mehr  Zucker.

 

Zu lange war es her - eine Ewigkeit! Doch jetzt war ich auf dem Heimweg. Die Kur war zu Ende. Vorbei die Tortur der Diäten, Einläufe und Gymnastik. Sicher, 13 Kilo weniger zeigte die Waage. Natürlich wollte ich nicht, daß sie wieder drauf kamen.

 

Doch ganz ohne Seelennahrung?
Ohne Freude am Leben?
Nein – sicher nicht!

 

Ich schob den letzten Bissen dieser Köstlichkeiten in mich hinein, trank den letzten Schluck des starken, herrlich süßen Moccas. Da sah ich das grinsende Gesicht des kleinen Mädchens. Mein Blick war auf der Suche nach weiterer Seelennahrung auch über die teilweise zugefrorene Scheibe gewandert, hatte das Kind entdeckt.
Weshalb lachte sie? Als sie sah, daß ich sie bemerkt hatte, blickte sie keinesfalls verschämt weg, sondern mußte noch mehr lachen. Ich hörte förmlich durch das verschlossene Fenster, wie sie sich über mich lustig machte.

Weshalb lachte sie mich an? Aus? Oder etwa sogar über mich?

Verunsichert blickte ich mich um. Im Lokal nahm keiner Notiz von mir. Alle Gäste schauten  in eine andere Richtung. Teilweise sah ich ein verstecktes, oder soll ich sagen, unterdrücktes Lächeln. Ich wurde noch unsicherer, packte meine Handtasche und ging schnellen Schrittes zur Damentoilette. Dort angekommen genügte ein Blick in den großen Kristallspiegel.
Von oben bis unten war meine feine Bluse voller roter Marmelade. Der Menge nach, hinaus gekleckert aus mindestens zweien dieser herrlichen Pfannkuchen, hinauf auf meine vormals strahlend weiße Bluse. Oh mein Gott! Ich sah aus...


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