Der entdeckte van Dyck

Wahrheit oder Lüge - entscheiden Sie selber

Der entdeckte van Dyck
erzählt von Sir Charles Blackwood

Als Theo Fuhrbrecher die gebrauchte Leinwand, dutzendemal übermalt, auf dem Flohmarkt für 3 Euro erstanden hatte, war er glücklich. Sein Leben war in den letzten Jahren eine Achterbahn gewesen. Eine Achterbahn, die allerdings die letzten 3 Jahre nur noch auf Talfahrt war. Seine finanziellen Reserven waren schon lange am Ende. Wie er es jeden Monat schaffte, seine über alles geliebte Frau und seine Tochter durchzubringen, war ihm immer wieder ein Rätsel.
Seine Hilde hatte in zwei Monaten Geburtstag, wurde 40 Jahre alt. Zwanzig Jahre waren sie schon verheiratet, auf ewig verbunden. Bei diesem Gedanken glätteten sich seine verhärmten Gesichtszüge, ließen ein Funkeln in seinen Augen aufblitzen. Diese 3 Euro, so gering der Betrag auch erscheinen mochte, waren die letzte heimlich ersparte Reserve. Die Farben würden wohl auch reichen. Er wollte ein Bildnis seiner Frau malen, sie für die Ewigkeit erhalten. Ja, das, so glaubte er, würde das schönste Geschenk sein, das er, neben seiner Liebe, ihr geben konnte. Heimlich wollte er es in den Nächten malen, still und leise in seinem Turmzimmer.
Und so kam es, daß er in den kommenden Nächten heimlich und leise das gemeinsame Schlafzimmer verlies und leise die steile und alte Holztreppe hinauf in das Turmzimmer stieg, um das Bild seiner Frau zu malen. Nach zwei Wochen war das Meisterwerk fertig. Als er es betrachtete, schien das Bild zu leben, so wunderbar war es ihm gelungen. Die Pinselführung, Licht und Schatten, alles war meisterhaft, man konnte sagen, einzigartig gelungen. Mit Fug und Recht konnte man sagen, das dieses Bild das Beste in seiner Laufbahn als Maler zu bezeichnen war.
Leise und zufrieden machte er das Licht aus, der Morgen graute bereits, schloß die Türe hinter sich ab und stieg die Treppe wieder zurück in den Wohntrakt des alten Hauses. Ein Haus, das sie sich schon lange nicht mehr leisten konnten. Ein ehemals kleines Waldschlößchen, das er von seiner Großmutter geerbt hatte, dem man aber auch ansah, daß hier Armut und Hunger wohnten. Überall waren die Zeichen von Verfall und Ruin zu sehen. Wenn nicht in den nächsten 2 Jahren erheblich investiert würde, dann würde ihnen wohl das Dach über dem Kopf zusammen brechen.
Als er die Schlafzimmertüre öffnete, schlug seine Frau gerade die Augen auf. Ob sie ihm glaubte, daß er nur kurz vor der Türe war, da er angeblich nicht schlafen konnte, sei dahingestellt. Zu intensiv waren der Geruch von frischer Farbe und Atelier an ihm bemerkbar. Doch sie sagte nichts.
Und dann war der Tag des Wiegenfestes da. Theo Fuhrbrecher war schon früh auf, um das Bild im Turmzimmer zu holen, es ein letztes Mal alleine zu betrachten, seine Gedanken schweifen zu lassen. Seine Frau wollte kurz hinüber in die Bäckerei, um frische Rundstücke zu kaufen. Würde doch auch gleich ihre Tochter Lena eintreffen. Sie belegte im ersten Semester „Kunst“ an der Uni. Was wohl auch sonst? Schlug ihr Talent doch ganz nach dem Vater. Eigentlich müßte sie schon da sein. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, daß sie los mußte.
„Ich bin dann mal schnell bei Bäcker!“, rief sie nach oben in Richtung Turmzimmer. Ein kurzes Grumpfen bestätigte ihr, daß Theo sie wohl verstanden hatte, jedoch in Gedanken noch „zwischen den Welten“, wie sie es immer nannte, weilte.

Theo schaute derweil verzückt auf das Portrait, das er aus dem Gedächtnis gemalt hatte. Nach einiger Zeit hörte er in der Ferne Geräusche, die er allerdings ignorierte, nicht richtig wahrnahm. Auf einmal fuhr ein Auto laut hupend auf den Hof. Er schrak zusammen. Der Blick zeigte ihm, daß es das Auto seiner Tochter war, die sich schnell aus dem Auto schwang. Ihr verzweifelter Ruf erreichte ihn. Was war los?
„Daddy, oh Gott, Daddy! Wo bist du denn?“
Schnell stand er auf und rannte, fast fiel er, die Treppe hinunter.
Als Lena ihn sah, schrie sie auf und warf sich schluchzend in seine Arme. Es dauerte einige Minuten, bis er die schreckliche Wahrheit aus ihr heraus bekam. Was war geschehen? Seine Frau hatte sich beeilen wollen, war, nachdem sie die Rundstücke in der Bäckerei gekauft hatte, schnell zurückeilen wollen. Beim Überqueren der Straße war ein Motorradfahrer viel zu schnell angerast gekommen, hatte sie erfaßt und auf der Stelle getötet. Lena, die kurz darauf an der Unfallstelle vorbeikam, um in den *Seitenweg zum Haus der Eltern einzubiegen, konnte nur noch den Leichenwagen abfahren sehen.

* * *

In den folgenden Monaten zerbrach Theo immer mehr. Er zog sich zurück, malte nicht mehr und ertrank seinen Schmerz in Wodka. Es kam kein Geld mehr herein, die Bank machte Ärger und Lena würde wohl das Studium an der Kunsthochschule abbrechen müssen, um sich und den Vater vor dem Armenhaus zu retten.
Theo saß nur noch im Turmzimmer, hatte das Portrait seiner Frau an das Fenster gestellt und betrachtete es Tag und Nacht. Da der Sommer sehr heiß und trocken war, wurde es im Turmzimmer enorm heiß, ließen die UV-Strahlen der Sonne das Bild leiden. All das bekam Theo Fuhrbrecher nicht mit. Zu sehr waren seine Sinne umnebelt. Langsam verschwand der Glanz des Bildes, wurde das Licht matt, bekam die Leinwand erste kleine Risse. Seine Tochter, mittlerweile waren Semesterferien, versuchte sich um ihn zu kümmern. Doch auch sie schien langsam zu verzweifeln. Erst der Schmerz u den Verlust der geliebten Mutter und jetzt wohl auch noch bald das Dahinsiechen des geliebten Vaters. Es mußte etwas geschehen. Aber was?
Eines Tages war ihr alles egal. Sie stieg die Treppe zum Turmzimmer hinauf. Ein Gang, den ihr der Vater immer verboten hatte. Und so nahm sie die letzten drei Stufen. Mit Herzklopfen, sich eine Ruck gebend, öffnete sie die Türe. Geblendet von der Sonne mußte Lena blinzeln, konnte auf den ersten Blich nichts sehen. Doch dann erkannte sie den Vater, der eine Wodkaflasche in der Hand hielt. Er saß auf einen Stuhl und betrachtete ein Bild, das in der vollen Sonne vor dem Fenster stand.
Sie trat näher. Was sie sah, schockte sie.
Es war ein Bild ihrer verstorbenen Mutter. Doch was sie so entsetzte, war der Umstand, daß sich durch die Licht- und Temperaturmißhandlung des Bildes, das Portrait schon fast bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst hatte. Erst war sie der Meinung, daß der Vater in einem Anfall von Delirium das Bild mit Farbe vermalt und verkleckst hatte. Doch bei näherem Betrachten stellte sie fest, daß es wohl ein Bild war, das darunter lag. Sicher hatte er aus Sparsamkeit oder Geldmangel eine gebrauchte Leinwand gekauft, um das Bild zu malen.
Um es kurz zu machen, nahm sie trotz des Protestes des Vaters, das Bild und brachte es am nächsten Tag zu ihrem Kunstprofessor, der auch ein Experte im Restaurieren alter Bilder war. Was sich dann herausstellte, was so unwahrscheinlich, wie phantastisch. Bei der Restaurierung stellte sich heraus, daß das darunterliegende Bild ein unbekanntes Selbstbildnis von Antonius van Dyck war. Sachverständige bestätigten nach eingehender Prüfung die Echtheit des Bildes.

Bei einer Auktion in Amsterdam, wo Kunstsammler und Museen 3 Monate später ihre Gebote abgaben, erzielte das Bild einen Preis von 3,5 Millionen Euro. Und so konnte nicht nur das alte Waldschlößchen restauriert werden, sondern Lenas Ausbildung an der Kunsthochschule war auch gesichert. Theo Fuhrbrecher machte einen Entzug und malte anschließend noch einmal ein Portrait von seiner Frau. Und diesmal hatte es einen Platz in der Stube, wo es sicher und geschützt vor der schädlichen Sonnenstrahlung an der Wand hin. Und in ihrem Blick war die Güte und Freude zu finden, die schon zu ihren Lebzeiten das Haus erwärmt hatten.

So, und jetzt entscheiden Sie selber:
Kann es sein, das diese Geschichte, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag, der reinen Wahrheit entspricht? Oder habe ich Sie einfach nur geschickt hinters Licht geführt? Vieles ist doch bei näherer Betrachtung anders, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Ist es ein moderner Mythos, der selbst Fachleute in die Irre führt?
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